Die Verwahrung von historischen Kirchenfenstern und angrenzendem Mauerwerk erfordern Weitblick. Vorreiterin ist die Kölner Dombauhütte, die rund 10.000 Quadratmeter Fensterfläche für die Nachwelt erhält. Ohne Walzblei wären die hohen Anforderungen nicht zu erfüllen.
Die Sanierung historischer Kirchenfenster drängt. Sonne, Wind und Regen hinterlassen mit der Zeit Spuren. Noch schneller und stärker greifen Abgase und saurer Regen die Glasmalereien an. Viele Kirchenfenster sind akut von Oberflächenkorrosion und Verbräunung bedroht. Wie stark die Schädigungen ausgeprägt sind, hängt maßgeblich vom Objektzustand und Standort ab.
Der Erhalt von Kirchenfenstern stellt hohe planerische und handwerkliche Anforderungen. Die Bausituation ist speziell: Einerseits sind Kirchenfenster Teil der Gebäudehülle und schützen den Innenraum, anderseits sind sie Kunstgüter, die selbst einen besonderen Schutz erfordern. Zudem stellt der Denkmalschutz hohe Anforderungen an die Verarbeitung.
Der Werkstoff Walzblei übernimmt bei der Sanierung von Kirchenfenstern eine wichtige Aufgabe. Glasmalereien bilden mit den angrenzenden Mauerelementen eine Einheit. Nur wenn die Fassade zuverlässig vor Witterungs- und Umwelteinflüssen verwahrt ist, kann der Schutz von Kirchenfenstern dauerhaft gewährleistet werden. Mit Walzblei werden Fensterbänke, Stützen und Säulen passgenau eingefasst und Mauerwerksfugen zuverlässig abgedichtet. So werden Kirchenfenster und Fassade von Grund auf saniert und Schäden langfristig vermieden. Wartungsarbeiten sind in der Regel für Jahrzehnte nicht mehr notwendig.
Sensible Kulturgüter
Die Anfänge der Glasmalerei gehen wahrscheinlich auf das 1. Jahrhundert nach Christus zurück. Die Römer setzten Gläser in die Fenster ein, um mehr Helligkeit und Wärme in ihren Thermen zu schaffen. Da Glas ein zerbrechlicher und schutzbedürftiger Werkstoff ist, sind aus diesen Zeiten keine Beispiele mehr erhalten. Ab dem 6. Jahrhundert wurden immer mehr Sakralbauten mit Glasmalereien ausgestattet. Mit ihrer Bildsprache sind sie wichtige Zeugnisse der Kultur- und Religionsgeschichte. Als Blütezeit gilt die Gotik, wo Glasgemälde zum Teil des Gesamtkonzepts wurden. Die einzelnen Glasstücke werden mit Bleiruten verlötet, deshalb spricht man auch von Bleiverglasungen.
Der Kölner Dom verfügt über einen umfassenden Bestand an historischen Glasmalereien, deren älteste fast 750 Jahre alt sind. Von großer Bedeutung sind die monumentalen Königsfenster im Domchor aus der Zeit um 1300. Auf insgesamt 15 Fenstern erstreckt sich ein zusammenhängender Bildzyklus. Das jüngste Kirchenfenster wurde 2007 im Südquerhaus eingebaut. Das 113 Quadratmeter große Fenster wurde vom weltbekannten Künstler Gerhard Richter gestaltet und setzt sich aus über 11.200 Farbquadraten in 72 Farben zusammen.
Die Fensterfläche des Kölner Doms umfasst rund 10.000 Quadratmeter. „Schon früh wurden gezielt Maßnahmen ergriffen, um die kunstvollen Kirchenfenster zu erhalten", sagt Dr. Thomas Schumacher, Ingenieur der Dombauverwaltung Köln. Seit 1953 verfügt die Kölner Dombauhütte über eine eigene Glaswerkstatt. Bei den Maßnahmen zum Erhalt von Kirchenfenstern arbeiten verschiedene Gewerke Hand in Hand: Restauratoren, Glaser, Steinmetze und Dachdecker.
Das Beispiel des Kölner Doms zeigt, wie wichtig und gleichzeitig komplex die Verwahrung von Kirchenfenstern ist. Zum Schutz der wertvollen Fenster haben die Mitarbeiter der Dombauhütte besondere Techniken entwickelt. Viele Erfahrungswerte haben Vorbildcharakter für die Restaurierung anderer Sakralbauten.
Dauerhafter Schutz
Wie lässt sich dem schleichenden Zerfall von historischen Kirchfenstern entgegenwirken? Seit Mitte des 20. Jahrhunderts werden Bleiverglasungen verstärkt mit einer zusätzliche Außenschutzverglasung ausgestattet. Die Dombauhütte montiert etwa 6 Millimeter dicke Glasplatten in einem Abstand zwischen 7 und 10 Zentimeter vor die Bleiverglasung. Nach Möglichkeit wird hierfür die vorhandene Befestigungskonstruktion genutzt. Bei der Glasplatte handelt es sich in der Regel um zweischeibiges Verbundglas, das zum Teil entspiegelt ist und je nach Lage des Kirchenfensters auch über einen UV-Schutz verfügt. Parallel wird oft die Bleiverglasung von der eigenen GlasmalereiWerkstatt überprüft und gezielt überarbeitet. Defekte Stücke werden ausgetauscht und bei Bedarf wird auch das Bleinetz erneuert. Zusätzlicher Vorteil von Schutzverglasungen: Sie bewahren vor mutwilliger Zerstörung etwa durch Steinwurf. Statt aufwändigen Reparaturarbeiten an der Bleiverglasung ist nur eine Glasscheibe auszutauschen.
Mit der Schutzverglasung werden Schädigungen an Kirchenfenstern eingedämmt, ein Fortschreiten der klimatischen Schädigungen kann allerdings nicht verhindert werden. Um einen dauerhaften Schutz zu gewährleisten, ist der Feuchteausgleich von entscheidender Bedeutung. Es muss einerseits verhindert werden, dass Regen- oder Tauwasser eintritt. Andererseits muss gewährleistet sein, dass auftretendes Kondenswasser nach außen entweichen kann.


Witterungseinflüsse machen dem Kölner Dom in vielfacher Hinsicht zu schaffen. „Wind und Wetter greifen das Mauerwerk an und verursachen feine Risse, durch die Feuchtigkeit eindringen kann", sagt Hans Tanzyna, Kolonnenführer der Dachdecker am Kölner Dom. „Aufgrund ihrer exponierten Lage sind die Fensterbänke der Glasmalereien besonders anfällig für Feuchtigkeitsschäden." Zudem saugt sich der Gussasphalt in den Fugen leicht mit Regenwasser voll. Als Gegenmaßnahme deckt die Dombauhütte äußere Fensterbänke mehr und mehr mit Bleiblechen ab. Walzblei schont die Bausubstanz: Das Baumetall ist leicht verformbar und schmiegt sich förmlich an das Mauerwerk an. Das Verlegen übt kaum Druck auf den Untergrund aus. Auch auf aufwändige Befestigungen kann verzichtet werden.
Bei der Ausführung ist handwerkliches Geschick gefragt. Kein Domfenster ist so wie das andere: Die Breite kann um bis zu 5 Zentimeter variieren. Die Bleischare werden so bemaßt, dass optisch ein gleichmäßiges Gesamtbild entsteht. Die Bleibleche werden mit einfach liegenden Falzen verbunden. Sie werden zu beiden Seiten des Fensters fortgeführt, um angrenzende Säulen und Gesimse zu umkleiden. An den Laibungssaiten werden die Bleiabdeckungen aufgekantet. Nach Möglichkeit wird die Aufkantung durch einen Überhangstreifen abgedeckt und in einer vorhandenen Fuge befestigt. Neue Bohrungen im Mauerwerk verbieten sich aus Gründen des Denkmalschutzes. In diesen Fällen wird die Versiegelung mit Bleiwolle vorgenommen. Am unteren Ende der Bleibleche wird eine ca. 5 Zentimeter hohe Kante angebracht. Die Kante schließt exakt mit dem Boden ab, sodass der Wind keine Angriffsfläche hat.
Die Anschlusssituationen an den Kirchenfenstern sind vielfältig. Vor neuen Ausführungen begutachtet Tanzyna oft vergleichbare, bestehende Bleianschlüsse am Dom. „Ich versuche abzulesen, mit welcher Technik die Handwerker vor 100 Jahren erfolgreich waren." Vor allem die Einkleidung der Säulen erfordert Fingerspitzengefühl. Die Handwerker müssen das Bleiblech um zahlreiche Details und Ornamente formen. Direkte Verbindungen werden grundsätzlich im Bleischweißverfahren ausgeführt. Die Nähte verzieren die Handwerker mit kunstvoll geformten Schweißpunkten. Um eine Fensterbank von rund 5 Metern Breite und etwa 90 Zentimeter Tiefe mit angrenzenden Säulen zu verwahren, sind etwa 500 Kilogramm Walzblei notwendig.
Ausgeklügelte Belüftung
Aufkommendes Kondenswasser ist für Kirchen wie den Kölner Dom eine besondere Herausforderung. Rund 20.000 Menschen besuchen die Kölner Kathedrale täglich. „Der ausgeatmete Wasserdampf der Besucher lässt die Luftfeuchtigkeit im Innenraum enorm ansteigen", sagt Dombau-Ingenieur Dr. Schumacher. Je höher die Luftfeuchtigkeit und die Differenz zwischen Innen- und Außentemperatur sind, desto mehr Kondenswasser bildet sich. Die Feuchtigkeit kann dann die historischen Kirchenfenster und das angrenzende Mauerwerk schädigen. „Von entscheidender Bedeutung ist eine ausreichende Luftzirkulation zwischen Bleiverglasung und Schutzglas sowie zwischen Außen- und Innenraum", so Dr. Schumacher.
Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurden in die Fensterbänke vieler Domfenster kleine Ablaufrohre eingelassen. Über die Rohre sollte das Kondenswasser entweichen. Diese Lösung erwies sich über die Jahre als nicht ganz optimal. Die Rohre waren schnell beschädigt oder verstopft. Zudem konnte das Eindringen von Regenwasser nicht völlig verhindert werden.
Heute gibt es in der Praxis ganz unterschiedliche Systeme. Oft werden im Innenraum unter- und oberhalb der Bleiverglasungen Lüftungsschlitze angebracht. Durch die Öffnungen kann die Luft zirkulieren und der Bildung von Kondenswasser vorgebeugt werden. Zusätzlich muss nach außen hin für einen Feuchteausgleich gesorgt werden. Bewährt hat sich vor allem folgende Lösung: Die Bleideckung an der Fensterbank wird unter der Schutzverglasung nach innen bis zur Bleiverglasung weitergeführt. Zwischen den Abdeckungen der Schutzverglasung und der Fensterbank wird ein Schlitz von rund 3 Millimetern Höhe frei gelassen. Das Kondenswasser, das am Fenster nach unten läuft, wird in einer Art Rinne aufgefangen und kann nach außen abfließen.
Eine ähnliche Technik kommt auch bei modernen Kirchenfenstern zum Einsatz, die ohne zusätzliche Schutzverglasung auskommen. Hier ist bereits im Originalfenster eine schützende Glasschicht integriert. So auch beim Richter-Fenster am Kölner Dom. In diesem Fall wurde ein Lüftungsschlitz von innen nach außen vorgesehen. Der Schlitz wurde unterhalb des Fensters, 2 Millimeter hoch, angebracht und sorgt für einen stetigen Feuchteausgleich. „Wir haben die Belüftungsproblematik frühzeitig erkannt und die Methoden mit der Zeit stetig verbessert", sagt Dombau-Ingenieur Dr. Schumacher nicht ohne Stolz.
Die Restaurierung von Glasmalereien ist zu aufwändig, als dass sie immer aufs Neue erfolgen sollte. Mit einer witterungsbeständigen Fensterbank und einer zuverlässigen Belüftung erhalten Kirchenfenster einen wirksamen Rundum-Schutz. So sind sie vor schadhaften Einflüssen bewahrt und bleiben für die Nachwelt dauerhaft erhalten.
Interview:
Präventiv handeln und Folgeschäden vermeiden
Kaum ein Handwerker verfügt einen so großen Erfahrungsschatz mit Kirchenfenstern wie Spengler Hans Tanzyna. Seit mehr als dreißig Jahren ist er als Dachdecker-Kolonnenführer für die laufende Instandsetzung des Kölner Doms zuständig.
Was ist die größte Herausforderung bei Kirchenfenstern?
Historische Kirchenfenster fordern in mehrfacher Hinsicht ein hohes handwerkliches Können. Die historische Bausubstanz aus Bleiverglasung und angrenzendem Mauerwerk ist zu erhalten. Bauphysikalische Verbesserungen dürfen nur vorgenommen werden, ohne die Originalsubstanz zu beschädigen.
Welches Vorgehen empfehlen Sie?
Es ist ratsam, präventiv vorzugehen und Kirchenfenster nachhaltig vor schädlichen Einflüssen zu schützen. Dringt erst einmal Feuchtigkeit ein oder sammelt sich Kondenswasser an, entsteht schnell ein erheblicher Sanierungsaufwand.
Wie oft kontrollieren Sie die Kirchenfenster?
Wir prüfen einmal wöchentlich alle exponierten und sensiblen Stellen an Dach und Fassade. Die mit Walzblei eingefassten Kirchenfenster erfordern keine Kontrolle. Sie bieten einen wartungsfreien Schutz über viele Jahrzehnte.
Bautafel:
Projekt: Instandsetzung und Erhalt von historischen Kirchenfenstern
Bauherr: Hohe Domkirche in Köln
Material: RAL-geschütztes Saturnblei, Bleiwolle, Patinieröl
Verarbeiter: Dombauhütte des Kölner Doms
Hersteller: Gütegemeinschaft Saturnblei e.V., D-47747 Krefeld, https://www.saturnblei.de
Bildquelle: © Saturnblei
© Gütegemeinschaft Saturnblei e.V. / 30.10.2012
