Die St. Johanniskirche ist eines der Wahrzeichen der Stadt Göttingen. In den letzten Jahren wurde das mittelalterliche Baudenkmal aufwändig saniert. Die Verkleidung der Turmhelme stellte eine ganz besondere Herausforderung dar. Zum dauerhaften Schutz vor extremen Witterungsbedingungen kam der Werkstoff Walzblei zum Einsatz.
Schon von weitem sind die Turmspitzen sichtbar: Die gotischen Türme der St. Johanniskirche ragen weit über der Altstadt von Göttingen empor. Ihre achteckige Form und unterschiedliche Höhe sind ein Blickfang. Auch wer noch nie in Göttingen war, hat die Türme sicher schon gesehen. Sie zierten lange Zeit die Vorderseite des 10-Mark-Scheins, in einer Stadtsilhouette neben dem bekannten Göttinger Naturwissenschaftler Carl Friedrich Gauß.
Das Erscheinungsbild der St. Johanniskirche ist das Ergebnis ausgereifter Handwerksarbeit. Seit jeher stellten vor allem der Nord- und Südturm hohe Anforderungen an Mensch und Material. Sind die Türme nicht vollständig vor allen Wind- und Wettereinflüssen geschützt, drohen Folgeschäden an allen Gebäudeteilen. Um eine dauerhafte Lösung zu erzielen, entschieden sich die Bauverantwortlichen für den Werkstoff Walzblei. Dachflächen, Gesimse und Brüstungen wurden vollständig mit Walzblei eingekleidet und rekonstruiert. Heute ist das Wahrzeichen ästhetisch und funktional für die Zukunft bestens gerüstet.
Aus der Vergangenheit wurde einiges gelernt: Im 14. Jahrhundert als dreischiffige Hallenkirche in Rotsandstein erbaut, waren im Lauf der Jahrhunderte immer wieder Erhaltungs- und Restaurierungsarbeiten notwendig, um die Kirche in ihrer Bausubstanz zu erhalten. Der ca. 62 Meter hohe Nord- und der ca. 56 Meter hohe Südturm waren laufend den Witterungseinflüssen ausgesetzt. Insbesondere die Holzkonstruktionen der Turmlaternen wurden durch Niederschläge und eindringende Feuchtigkeit erheblich beschädigt.
Anfang des neuen Jahrtausends war der Schaden so groß, dass die Standsicherheit der Konstruktion bedroht war. Tragende Holzbauteile waren von Moderfäule zerstört und die Sandsteinfassade war von kraterförmigen Abplatzungen gezeichnet. Auch das Zierwerk mit Fialen, Kreuzblumen und Maßwerken zeigte erhebliche Schäden und war zum großen Teil nicht mehr standsicher. Für Passanten bestand die Gefahr, durch herabstürzende Gesteinsbrocken oder Schieferplatten verletzt zu werden. Daraufhin beschlossen das Evangelisch-Lutherische Landeskirchenamt Hannover und die St. Johannis Kirchengemeinde eine umfassende Sanierung von Mauerwerk und Turmhelmen.
Bauteile dauerhaft verwahren
Bei den Sanierungsarbeiten war handwerkliches Können gefragt. Alle der Witterung ausgesetzten Bauteile sollten zuverlässig und dauerhaft verwahrt werden. Die zu schützenden und einzukleidenden Bauteile und Oberflächen waren sehr variantenreich, kleinteilig und filigran; es gab kaum glatte Flächen. Hierzu zählten etwa Stützen, Streben, Brüstungsriegel und Stiele, Rähme, Kopfbänder und komplette Gesimse. Zudem sollten die Brüstungen der beiden Turmlaternen nach historischem Vorbild mit Andreas- bzw. Negativkreuzen wieder hergestellt werden. Gefordert war ein langlebiger und gleichzeitig flexibler Schutz für alle baulichen Gegebenheiten. „Durch die Sanierung sollen alle tragenden Bauteile mindestens für die nächsten 100 Jahre vor Schäden durch Witterungseinflüsse geschützt sein", betont Bauleiter Ralf Grabau vom Ingenieurbüro Götz und Ilsemann. Die Verantwortlichen entschieden sich für Walzblei. Neben dauerhafter Witterungsbeständigkeit zeigt der Werkstoff auch eine gute Verträglichkeit mit anderen Baustoffen. „Walzblei lässt sich mit Materialien wie Schiefer gut kombinieren und verarbeiten", betont Klempnermeister Hermann Bade vom beauftragten Handwerksbetrieb Bade Dächer aus Bad Bevensen. „Der Werkstoff ermöglicht optisch ansprechende und funktional ausgereifte Ergebnisse".
Das Projekt stellt an die Bauplanung große Herausforderungen. Vor Start der eigentlichen Bauarbeiten war ein Fassadengerüst mit insgesamt 5.000 Quadratmeter Fläche aufzustellen. Das Gerüst sollte über einen Zeitraum von fünf Jahren Handwerkern ein flexibles und sicheres Arbeiten ermöglichen. Zudem mussten rund 33 Tonnen Walzblei und bis zu acht Meter lange Holzbalken über das Gerüst transportiert werden.
Neue Haube für den Südturm
Die Arbeiten am Südturm erfolgten in mehreren Bauabschnitten. Den Anfang bildete die Sanierung der Holzkonstruktion. Sie war in erheblichem Maße durch Fäulnis beschädigt. Für die Arbeiten wurden insgesamt 8,5 Kubikmeter Eichenkantholz benötigt. Das Material diente zur Erneuerung der geschwungenen Holzspanten und der oberen Balkenlage im Turmhelm, zur Anfertigung der Andreaskreuze der Turmlaterne sowie für zur Sanierung der Turmbalkenlage und der Dachsparren. Im Anschluss wurden die Dachflächen mit Lärchenholz eingeschalt. Die Andreaskreuze und die acht Laternenstiele wurden mit einer wasserfest verleimten und beschichteten Sperrholzplatte (Betoplan) eingefasst. Um eine Belüftung dieser Bauteile zu gewährleisten, wurden 1,5 Zentimeter dicke und etwa 3 Zentimeter breite Eichenholzleisten in der Längsrichtung der Konstruktionshölzer aufgebracht. So entstand eine durchlaufende Belüftungsebene zwischen den Konstruktionshölzern und den Betoplanplatten als Deckunterlage.
Danach begannen die Dachdeckungsarbeiten und Bleieinfassungen am Südturm. Im ersten Arbeitsschritt wurde die obere geschwungene Dachhaube einschließlich der Gesimse mit Walzblei in einer Stärke von 2,5 Millimetern eingedeckt. Die Handwerker verwendeten Deckschare mit einer Abmessung von ca. 600 x 1.000 Millimetern Zuschnitt. Die Arbeiten wurden mit Hohlwulstfalzen als Stehfalze und einfachen Liegefalzen mit kupfernen Einhangblechen ausgeführt. Zur Vorbereitung wurden die Falze in der Werkstatt vorgekantet und mit Treibhammer durch Stecken und Stauchen in eine geschwungene Form gebracht. Auf der Baustelle wurde die einzelnen Bleibleche mit Holz- und Kunststoffschlegel miteinander verfalzt. Die Traufe wurde mit dem Gesims durch ein kupfernes, doppelt gekantetes Traufblech mit Einhangfalz verbunden. Das gesamte Traufgesims wurde anschließend komplett mit Walzblei verkleidet.
In der zweiten Phase stand die Verkleidung der Turmlaterne und des Laternenbodens mit Walzblei an. Die gekanteten Bleischare wurden in den Nähten mit Doppelstehfalzen versehen. Das Material wurde unter Berücksichtigung der Dehnungsmöglichkeit bis zu 1,5 Zentimeter aufgekantet und verschweißt. Auch für den Boden in der offenen Turmlaterne wurde eine Holzschalung mit rund fünf Grad Steigung zum mittleren Hochpunkt vorgesehen. Die Eindeckung erfolgte strahlenförmig mit konisch zugeschnittenen Bleischaren. Sie wurden in den Nahtbereichen durch doppelt gefalzte Hohlwulstfalze verbunden. Das umlaufende Gesims des Laternenbodens ermöglicht eine reibungslose Entwässerung auf die unteren Turmdachflächen.
Die unteren Turmdachflächen wurden in einem dritten Bauabschnitt auf einer Gesamtfläche von rund 105 Quadratmetern mit Naturschiefer in altdeutscher Deckung eingedeckt. Das untere Turmgesims wurde ebenfalls mit 2,5 Millimeter starkem Walzblei verkleidet. Eine Dachrinne wurde nicht angebracht, stattdessen wurde der Dachüberstand größer hergestellt.
Brüstungserneuerung am Nordturm
Der Nordturm ist weit über die Stadtgrenzen hinaus durch die so genannte Türmerwohnung bekannt. Hier haben Jahrhunderte lang die Göttinger Stadtwächter gelebt. Im 20. Jahrhundert wurde das Türmerquartier zur Studentenwohnung umfunktioniert. Sie war unter den Göttinger Studenten die gefragteste und begehrteste Studentenbude.
Auch am Nordturm wurden zunächst Holzarbeiten an der Konstruktion des Turms ausgeführt. Im Gegensatz zum Südturm verfügt der Nordturm über eine große und kleine Laterne. Da die oberhalb gelegene kleine Turmlaterne geschlossen ist, wurde sie mit Belüftungsöffnungen versehen. Anschließend wurde sie vollständig mit Walzblei eingefasst. Die untere wesentlich größere Laterne besitzt einen Umgang. Die umlaufende Brüstung war nachträglich mit einer Holzschalung verkleidet worden. Im Rahmen der Sanierung wurde sie vollständig entfernt und nach alten Marienstichen durch Brüstungsriegel, Holzstielen und Laternenpfosten ersetzt. Die Flächen wurden mit gefalzten oder geschweißten Nahtverbindungen in Walzblei eingedeckt. Die Köpfe der Zwischenpfosten wurden mit zeltförmig geschweißten Bleikappen eingekleidet.
Die offenen Brüstungsfelder wurden nicht wie am Südturm mit hölzernen Andreaskreuzen in Positivform geschlossen. Sie wurden mit jeweils vier hölzernen Hohlkassetten aus 27 Millimeter starken Betoplanplatten ausgefüllt. Die Bauteile wurden so angeordnet, dass die Zwischenräume jeweils ein Andreaskreuz in Negativform bilden. Diese Form geht auf gotische Baudetails zurück. Alle Flächen wurden komplett mit Walzblei ummantelt. Die Nähte wurden flächenbündig verschweißt. Nach der Fertigstellung wurden alle Walbzleiflächen mit Patinieröl behandelt. Zum Schutz gegen Tauben wurden alle Öffnungen mit Edelstahlschutzgitter verschlossen.

Die Baumaßnahmen am Nordturm standen unter keinem guten Stern. Kurz vor Abschluss ereignete sich eine Brandkatastrophe. Jugendliche gelangten über das Gerüst in den Nordturm und legten ein Feuer. Der Turm brannte komplett aus und wurde vollständig zerstört. Es entstand ein Schaden in Millionenhöhe. „Nach dem Brand hing das geschmolzene Blei wie Eiszapfen vom Turm herab", berichtet Klempnermeister Bade. Der gesamte Turmhelm wurde in den Folgemonaten mit der kompletten Holzkonstruktion, den Schalungen aus Lärchenholz und der Walzblei-Eindeckung neu erstellt. Parallel dazu wurde das Westwerk, das Verbindungsdach zwischen Nord- und Südturm, erneuert und mit Walzblei eingedeckt.
Auf das Gesamtergebnis sind alle Beteiligten stolz. Die Gewährungleistungsabnahme im Herbst 2009 erfolgte ohne jeden Mangel. „Die fachgerechte Eindeckung und Verkleidung mit Walzblei erweist sich als nahezu wartungsfrei und somit richtig in der Wahl für ein so bedeutendes Bauwerk", sagt Bauleiter Grabau. Eine Turmbesteigung lohnt sich. Vom Nordturm bietet sich nicht nur ein grandioser Blick über die Göttinger Altstadt. Aus nächster Nähe kann dann auch handwerkliche Feinarbeit bewundert werden.
Sakralbau mit wechselvoller Geschichte
Seit 700 Jahren prägt die St. Johanniskirche das Stadtbild von Göttingen. In der langen Geschichte der Kirche wurde der Baustil mehrmals verändert. Auch die Nutzung des Nordturms änderte sich: von Türmerwohnung über Studentenbude bis zum Andachtsraum.
1245: Fertigstellung des romanischen Portals (als Teil des Vorgängerbaus)
1300-1350: Bau der St. Johanniskirche als dreischiffige Hallenkirche im gotischen Stil
Seit Mitte 14. Jhd.: Nutzung des Nordturms als Wohn- und Arbeitsort der Stadtwächter (so genannte „Türmer")
15. Jhd.: Fertigstellung des Nord- und Südturms
1661/1662: Anbringung neuer Turmhauben an beiden Türmen
1792: Abschluss des Umbaus des Innenraums zur Predigtkirche mit klassizistischen Elementen
1895-1897: Innenrenovierung im neugotischen Stil
1921: Tod des letzten Türmers; die Türmerwohnung wird zur Studentenwohnung
2000: Voruntersuchungen und Planungsbeginn zur umfassenden Sanierung der Türme einschließlich des Westwerks
Anfang 2001: Start der Turmsanierung; Schließung der Studentenwohnung
Ende 2004: Weitgehender Abschluss der Turmsanierung
23. Januar 2005: Zerstörung des Nordturms durch Brandstiftung
Ende 2005: Abschluss der Wiederaufbauarbeiten am Nordturm; Nutzung der ehemaligen Türmer- und Studentenwohnung als Andachtsraum
2006/2007: Sanierung des mittelalterlichen Dachstuhls, Neueindeckung des Dachs des Kirchenschiffs
Mitte 2008: Sanierung des Chordachs; Abschluss der äußeren Sanierungsarbeiten
Ende 2009: Gewährleistungsabnahme an den Türmen durch Vertreter von Bauherren, Bauleitung und Handwerksbetrieben
Bautafel:
Projekt: Walzblei-Eindeckung der Doppelturmanlage der St. Johanniskirche Göttingen
Bauherr: Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannovers
Planungsleitung: Amt für Bau- und Kunstpflege Hildesheim, Außenstelle Göttingen
Bauleitung: Ingenieurbüro Götz und Ilsemann, Hildesheim
Material: Walzblei 2,5 und 3,0 Millimeter Stärke in der Legierung Saturnblei
Verarbeiter: Bade Dächer, Bad Bevensen
Hersteller: Gütegemeinschaft Saturnblei e.V., D-47747 Krefeld, https://www.saturnblei.de
Bildquelle: © Bade Dächer (Sanierte Türme der St. Johanniskirche), © Ralf Grabau (alle weiteren Fotos)
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© Gütegemeinschaft Saturnblei e.V. / 30.11.2010
