Das Kloster Dalheim zieht Besucher nicht nur aus geistlichen Gründen an. Durch aufwändige Sanierungsarbeiten soll der Gebäudekomplex wieder in altem Glanz erstrahlen. Noch bleibt einiges zu tun, doch schon heute zeigen sich viele architektonische und handwerkliche Meisterleistungen. Dies ist auch dem Einsatz des Traditionswerkstoffs Walzblei zu verdanken.
Hämmern, klopfen, sägen: Dutzende von Handwerkern sind damit beschäftigt, das Kloster Dalheim rundum zu erneuern. Jetzt kehrt im Kloster am westlichen Rand des Eggegebirges wieder etwas Ruhe ein. Der zweite Bauabschnitt wurde nach zweijähriger Bauzeit beendet. Durch die Sanierungsmaßnahmen lebt der alte Glanz des Gebäudekomplexes wieder auf.
Mit dem Umbau knüpft das Kloster an seine Wurzeln an. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, heutiger Eigentümer der Anlage, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Klostergebäude nach historischen Vorlagen detailgetreu zu sanieren. In den wieder hergestellten Räumen können Besucher ein in Deutschland einzigartiges Museum für klösterliche Kulturgeschichte besichtigen. Wer mit wachen Augen über das Gelände geht, kann auch architektonisch viele Besonderheiten entdecken. Neben imposanten Fassaden und ausladenden Flächen glänzt die Architektur der Anlage mit einer Vielzahl kleiner Details. Bei der Sanierung waren hier neben handwerklichem Fingerspitzengefühl auch Baustoffe gefragt, die langlebig und flexibel zugleich sind.
Architektonischer Blickfang ist das Dach des Nordflügels des Kreuzgangs. Der gesamte Gebäudetrakt wurde bei einem Brand im 19. Jahrhundert schwer beschädigt. Das erste Obergeschoss war niedergebrannt und wurde nicht wieder aufgebaut. Auf das Erdgeschoss setzte man nur ein provisorisches Dach aus Ziegeln. Es sollte fast zwei Jahrhunderte dauern bis der Originalzustand wieder hergestellt wurde. Der heutige Eigentümer erteilte den Auftrag, den Kreuzgang wieder aufzustocken und neu zu bedachen.
Die Gegebenheiten des Daches stellten besondere Herausforderungen an Mensch und Material. Das rund 16 Meter hohe Pultdach lehnt sich direkt an die Außenwand der deutlich höheren Klosterkirche an. Dazu ragen ein Vorsprung und drei Strebepfeiler in die Dachfläche hinein. An der Ostseite verliert sich die Fläche in eine verwinkelte Ecke und endet an einem runden Turm. Daraus ergeben sich vielfältige Anschlusssituationen, die hohe funktionale und ästhetische Anforderungen stellen.
Funktionalität und Ästhetik gefragt
Gesucht wurde ein Baustoff, der diese Kriterien zuverlässig und dauerhaft erfüllt. Die Wahl fiel auf den universellen Werkstoff Walzblei. Die Flexibilität des Materials ermöglicht ein passgenaues Arbeiten bei der komplexen Anschlusssituation auf dem Dach. Die vielen Schnittstellen zwischen Dachfläche und dem angrenzenden Gemäuer bedürfen einer nahtlosen Abdichtung. So gewährleistet Blei, einmal verlegt, einen dauerhaften und zuverlässigen Witterungsschutz. Auch ästhetisch überzeugte der Werkstoff Walzblei den Bauherrn sofort. Ton und Anmutung des Traditionswerkstoffs harmonisieren mit dem historischen Gebäudekomplex. Walzblei wirkt sehr natürlich und zeitlos.
Die Vorbereitungen begannen schon weit vor der eigentlichen Baubeginn. Schon in den Wintermonaten wurde das Walzblei im Lager des ausführenden Handwerkbetriebs Prange Klempnertechnik vorbereitet und beidseitig mit Patinieröl behandelt. So bleibt das Material vor Schlierenbildung geschützt bis sich eine natürliche Patina ausbildet. Innerhalb der rund vierwöchigen Bauzeit war Klempnermeister Frank Henke mit einem sechsköpfigen Team im Einsatz. Zuerst war nicht handwerkliches, sondern logistisches Geschick gefordert. Da das zum Innenhof geneigte Dach nur durch eine schmale Tür zu erreichen ist, gab es keine Möglichkeit, den Einsatzort direkt zu beliefern. Das Baugerüst wurde mit einem Autokran über die Klosterkirche gehievt. Die insgesamt zwölf Tonnen Blei mussten Schar um Schar in den Innenhof getragen werden. Die Folge: Eine Woche lang waren drei Mitarbeiter im Einsatz, um die jeweils 37 Kilogramm schweren Schare per Hand oder Schubkarren anzuliefern. „Unsere Handwerker haben mit den Bleischaren bis zu 120 Meter vom Transporter bis in den Innenhof zurückgelegt", erklärt Klempnermeister Frank Henke. „Das ist schon eine sehr sportliche Leistung."
Bei der Ausführung mussten die Dachdecker einige Besonderheiten berücksichtigen. Die Deckflächen sollten links und rechts der Strebepfeiler gleich breit sein. Deshalb wurde die Schareneinteilung ausgehend von den Strebepfeilern in zwei Richtungen vorgenommen. Dies machte eine besonders sorgfältige Planung und Ausführung erforderlich. Zum Ausrichten und Einteilung der Schare wurde das ganz Dach vertikal und horizontal abgeschnürt. An der Traufe und First brachten die Klempner Lochbleche zur Be- und Entlüftung an. So wird die Zirkulation zwischen der Schalung und den Sparren gewährleistet. Aufgrund der starken Dachneigung von 28 Grad waren das Laufen, Stehen und Arbeiten für die Handwerker beschwerlich und Dachdeckerleitern unabdingbar. Die Handwerker verlegten auf einer Fläche von rund 315 Quadratmetern insgesamt 350 Schare Blei in kleiner Hohlwulstdeckung. Die Schare maßen circa 1500 x 550 x 2,5 Millimeter, die bei der Dachneigung erforderliche Überdeckungslänge betrug 220 Millimeter. Mit Kupferhaften und gerillten Edelstahlnägeln befestigten die Klempner die Bleischare auf der Unterkonstruktion.
Präzision bis ins Detail
Besonderes Augenmaß war beim Ausrichten der Schare an der Traufe gefragt. Um dem Dach eine historische Note zu geben, wurden kaum Ausgleichsarbeiten vorgenommen. Dadurch steht die Dachkonstruktion nicht immer ganz im Lot. Hier zeigte sich erneut ein Vorteil des flexiblen Werkstoffes Walzblei. Die Handwerker justierten Details wie die Traufenanschlüsse individuell, schnitten die Schare bei Bedarf nach und passten sie so den Abmessungen des Daches an. Der Übergang vom Dach an die Traufe wurde manuell geformt. Eine Schablone ermöglichte eine einheitliche Gestaltung der Falze an der Dachkante. Letztlich nahm die Arbeit an den vielfältigen Anschlüssen und Ecken genauso viel Zeit in Anspruch wie die Verlegung des Bleis in der Fläche. In einer konisch geformten Dachecke mussten alle Bleischare einzeln vor Ort zugeschnitten werden. Da die Neigung des Daches in diesem Bereich weniger als drei Grad beträgt, wurde zusätzlich eine zweilagige Abdichtung als regensicherer Feuchtigkeitsschutz zwischen Trennlage und Blei eingesetzt. Die Bleieindeckung erfolgte im Eckbereich mithilfe einer horizontal liegenden Bleikehle, die an der Gebäudewand anschließt und fachgerecht verwahrt wurde. Die Bleikehle zum Übergang zur altdeutschen Schieferdeckung erhielt eine Aufkantung mit innenliegendem Holzkern, um Wasser geführt abfließen zu lassen.
Fingerspitzengefühl war auch bei der Einkleidung eines Turms gefragt. Er wurde passgenau mit runden und geraden Wandanschlüssen ummantelt. Dazu wurde das Blei mit dem Treibhammer getrieben und den Turmrundungen sorgsam angepasst. Die Schare wurden rund ausgeschnitten und am Turm aufgestellt. Um die Bleischürze gegen Sturm und Abrutschen zu sichern, wurden die Bleibleche mithilfe von aufgelöteten Kupferhaften auf dem Dach befestigt. Das Ergebnis ist eine formschöne und nahtlose Hülle, die das Gebäude langfristig vor Witterungseinflüssen schützt.
Auch die Einkleidung der einzelnen Strebepfeiler erforderte Maßarbeit. Die Eckpunkte wurden genau vermessen, um einen exakten Zuschnitt des Bleis zu gewährleisten. Das Blei wurde zunächst mit einer Kupferschiene und Edelstahlschrauben an der Wand befestigt. Die Abdichtung erfolgte mit einem vorkomprimiertem Dichtband. Abschließend schlugen die Handwerker das Blei an der Kantung nach vorn um, sodass die Befestigung unter der Schürze nicht mehr sichtbar war. Sicherheitshalber wurde der Übergang zur Wand zusätzlich mit einem Dichtstoff verfugt.
Das neue Bleidach setzt Kloster Dalheim eine glänzende Krone auf. Damit ist das Kloster Dalheim auch für das kommende Jahrhundert gut gerüstet. Durch das Museum für Klosterkultur ist das ehemalige Kloster heute wieder ein kultureller Treffpunkt geworden. In den kommenden Jahren sind zwei weitere Bauabschnitte vorgesehen, in denen die Klosterkirche und die Außenanlagen saniert werden sollen. Erst danach wird das Kloster Dalheim wieder vollends ein Ort der Besinnung sein.
Gebäudeanlage mit bewegter Geschichte
Erst Kloster, dann Bauernhof, heute Museum: Die Klosteranlage Dalheim blickt auf wechselvolle Jahrhunderte zurück. Ein Auszug aus der Baugeschichte des Bauwerks:
800: vermutlich erste Holzkirche, im 9. Jahrhundert durch einen Steinbau ersetzt
1429: Niederlassung der Augustinerchorherren
1460/70: Errichtung der Kernanlage des Westflügels
17./18. Jhd.: Massive Bautätigkeit und Überformung der gesamten Klosteranlage (einschl. Barockisierung des Westflügels)
1803: Auflösung des Klosters und Umbau als Wirtschaftshof
9. Mai 1838: Großbrand der gesamten Kernanlage
1838: Wiederaufbau und Überformung der Klausurgebäude
1979: Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe erwirbt die Anlage
1992: Rekonstruktion des Mittelrisaliten und Daches des Westflügels
2003: Machbarkeitsstudie für Sanierung
2005-2007: 1. Bauabschnitt: Sanierung Gäste- und Westflügel; Herstellen sämtlicher Infrastruktur für den Museum- und Gastronomiebedarf
2008-2010: 2. Bauabschnitt: Aufstockung der drei Kreuzgangsflügel Nord, Ost und Süd; Sanierung/Rekonstruktion der klösterlichen Bereiche im Erdgeschoss
Bautafel:
Projekt: Walzblei-Eindeckung von Dachabschnitten am Kloster Dalheim
Bauherr: Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Stiftung und Erhaltung der Klosterkultur Dalheim
Planungs- und Bauleitung: Architekturbüro Pfeiffer - Ellermann - Preckel, Münster
Material: Walzblei 2,5 mm Stärke in der Legierung Saturnblei
Verarbeiter: Prange Klempnertechnik GmbH, Brilon
Hersteller: Gütegemeinschaft Saturnblei e.V., D-47747 Krefeld, https://www.saturnblei.de
Bildquelle: © Saturnblei (Hauptgebäude), © Prange Klempnertechnik (alle weiteren Fotos)
© Gütegemeinschaft Saturnblei e.V. / 15.05.2010
