Baumetalle müssen sich unter zunehmend komplexeren Herausforderungen beweisen. Gerade an Dach und Fassade treffen häufig ganz unterschiedliche Ausgangsbedingungen aufeinander. Der Werkstoff Walzblei präsentiert sich als wahres Multitalent mit flexiblen Anwendungsfeldern.
Jahrhundertealtes Handwerk setzt immer noch Zeichen. Für technisch und gestalterisch anspruchsvolle Bauwerke wird Blei traditionell als Dachdeckungsmaterial eingesetzt. Das flexible Baumetall ist weit über den Denkmalschutz hinaus unverzichtbar. Kein Werkstoff ist so langlebig und anpassungsfähig an komplizierte Dachlandschaften und außergewöhnliche Formen der Außenwandbekleidungen. Deshalb entscheiden sich auch heute viele Architekten und Bauherren dazu, Walzblei für ihre Bauvorhaben zu verwenden.
Für Walzblei bieten sich vielfältige Anwendungsformen, mit denen sich selbst außergewöhnliche Herausforderungen lösen lassen. Die Auswahl der geeigneten Produktvariante hängt von vier zentralen Faktoren ab: von der Dachneigung, der Belüftung, der Nutzung des Gebäudes und dem Material der Deckunterlage. Für jede Ausgangssituation an Dach und Fassade bietet Walzblei eine flexible und bewährte Lösung.
Die Dachneigung hat maßgeblichen Einfluss auf die Auswahl und Anwendung der passenden Walzblei-Variante. Je flacher das Dach ist, umso dringlicher sind Maßnahmen gegen Korrosion von unten. Bis zu einer Dachneigung von 15 Grad ist immer mit punktuellen Wassereindringungen zu rechnen. Existiert eine unterliegende Holzverschalung, so kann diese leicht durchfeuchten. Bereits bei einem Wassergehalt des Holzes von 16-18 Prozent und Direktkontakt mit dem Walzblei kann es zur Bildung von Essigsäure und somit verstärkter Korrosion kommen. „Bei flachgeneigten Dächern ist die Verwendung einer wasserdichten Diffusionsfolie ratsam, damit eingedrungenes Wasser durch die Fugen der Bleideckung und über den Belüftungsraum als Wasserdampf entweichen kann“, rät Jürgen Seifert, Schulungsleiter der Gütegemeinschaft Bleihalbzeug e.V.. Auch an Steildächern kann die Abgabe von Essigsäure aus der Holzverschalung zu Korrosion von unten führen. Seifert empfiehlt im Falle einer ausreichenden Belüftung die Verwendung von metallverträglichen Holzschutzmitteln. Auf diese Weise kann auf den ergänzenden Schutz durch eine Trennlage verzichtet werden.
Die Belüftung stellt an sich ganz besondere Anforderungen an das Baumaterial. So sind immer die unteren Zuluft- und oberen Abluftquerschnitte der Hinterlüftung zu berücksichtigen. Entscheidend ist die im Gebäude entstehende Wasserdampfmenge. So kann bei ungenutzten Dachstühlen („Kaltdach“) die Belüftung über eine kleine Fuge an der Holzverschalung erfolgen. Walzblei kann unter diesen Bedingungen auf traditionelle Art ohne Trennlage verlegt werden. Ein prominentes Beispiel für diese ebenso einfache wie effiziente Baulösung liefert der Kölner Dom. Bei der Neueindeckung des Weltkulturerbes Mitte der 80er Jahre stellte sich die Herausforderung, die Holzverschalung zuverlässig gegen Witterungseinflüsse zu schützen und gleichzeitig für eine ausreichende Belüftung zu sorgen. Die alte Bedeckung bestand aus nur 2 Millimeter starken Bleibahnen, die bei Südostwind angehoben wurden, so dass Regenwasser in das Dach eindringen konnte. Das Blei war dabei stramm um die Bohle gezogen. Das sanierte Dach weist nun 3 Millimeter starke Bleibleche über einer 1,5 Zentimeter Fuge zur Belüftung auf. Die Befestigung erfolgte am unteren Rand der Bahnen durch einen Umschlag von 3 Zentimetern.
Auch die Nutzungsart des Gebäudes sollte bei der Anwendung von Walzblei bedacht werden. Dieser Punkt hat maßgeblichen Einfluss auf den Umgang mit Trennlagen. Naturgemäß stellen sich bei einem Hallenbad ganz andere Herausforderungen als bei einer Kathedrale. Doch selbst unter Sakralbauten ergeben sich zum Teil gravierende Unterschiede. So ist der im Winter regelmäßig beheizte Aachener Dom anders zu bewerten, als das Kaltdach des Kölner Doms. Als einzige deutsche Kathedrale verfügt der Aachener Dom über eine Innenraumheizung. Aufgrund extremer Temperaturunterschiede zwischen innen und außen kommt es im Winter zu einer verstärkten Schwitzwasserbildung. Selbst eine fachmännische Be- und Entlüftung und die zusätzliche Verwendung einer Trennlage half nicht weiter. Schließlich brachte die Demontage der im Jahr 1990 verlegten Oktogoneindeckung im Bereich Laterne deutliche Anzeichen von Schwitzwasserkorrosion zu Tage: eine weißliche Einfärbungen des Werkstoffs Walzblei.
Schadensbilder wie das am Aachener Dom sind ein wichtiger Indikator für den Lösungsweg. Handelt es sich um eine schwache Einfärbung, kann neues Walzblei unproblematisch auf die schon existierende Unterkonstruktion verlegt werden. Erneute Schadensfälle werden durch eine Optimierung der Zu- und Abluftquerschnitte vermieden. Ist das Schadensbild stärker ausgeprägt, sollten Handwerker die Unterkonstruktion durch Verwendung einer zusätzlichen Trennlage ändern. Darüber hinaus empfiehlt sich der Einsatz von zinnplattiertem Saturnblei, so genannten Kirchenblei. Der Werkstoff besteht aus handelsüblichem Saturnblei, auf das analog zum Reibschweißen eine Zinnplattierung aufgebracht wird. Die Oberflächenverbindung ist wesentlich korrosionsresistenter gegen Schwitzwasser als das Grundmaterial. Versuchssimulationen prognostizieren der Materialkombination eine Korrosionsresistenz von 30 Jahren. Aus diesem Grund entschied sich auch das Aachener Domkapitel für diese innovative Produktlösung.
Auch das Material der Deckunterlage stellt ganz besondere Herausforderungen. Kritisch ist vor allem die Verlegung von Walzblei direkt auf das Mauerwerk. Nach den technischen Regeln der Gütegemeinschaft Bleihalbzeug e.V. darf Walzblei nur auf trockenem Mauerwerk verlegt werden. Grund hierfür ist die Gefahr von Lochfraß durch Kalk aus frisch aufgebrachtem Putz. Gerade bei Balkonabdeckungen tritt dieses Schadensbild leicht auf. Fachmann Seifert empfiehlt zu warten, bis das Mauerwerk trocken ist. „Alternativ sollte eine Trennlage verwendet oder ein porentiefer Korrosionsschutzanstrich auf dem Blei vorgenommen werden.“
Walzblei lässt sich unproblematisch mit den meisten gängigen Trennlagen kombinieren. Dabei lösen Trennlagen ganz unterschiedliche Bausituationen. Sie schützen vor schädigenden Einflüssen aus der Deckunterlage, verbessern die Gleitfähigkeit der Bleibleche bei thermischen Längenänderungen und dienen als Notdichtung während der Bauphase. Auf Trennlagen aus Bitumen sollte auf jeden Fall verzichtet werden. Bei der Anwendung kann sich hier ein vermeidbares Schadensbild zeigen: Walzbleibleche springen aus der Haft. Dieser Situation sah sich auch die St. Hubertus Kirchen-Gemeinde im Eifelort Hupperath gegenüber. Starke Sonneneinstrahlung hatte bei Walzblei zu einer thermischen Längenänderung geführt. Gleichzeitig war die Bitumentrennlage weich geworden, über das Blei abgelaufen und hatte beim Erhärten das Blei gesperrt. Eine Rückverformung in den Ursprungszustand war nicht mehr möglich. Die Konsequenz war das Springen aus der Haft. Abhilfe konnte bei der Neueindeckung der Einsatz einer diffusionsoffenen und bitumenfreien Trennlage schaffen.
Ein Werkstoff für alle Fälle
Saturnblei eröffnet Dachdeckern und Handwerkern vielfältige Praxisanwendungen. Selbst ganz spezielle Herausforderungen lassen sich mit dem Traditionswerkstoff flexibel meistern.
Saturnblei ohne Trennlage: In vielen Fällen werden Dachstühle nicht genutzt („Kaltdach“) und dienen allein als Unterbau für die Eindeckung. Hierbei wird Saturnblei traditionell ohne Trennlage verlegt. Eine Holzschalung mit kleiner Fuge gewährleistet eine ausreichende Be- und Entlüftung von unten.
Saturnblei mit Trennlage: Bei Gefahr der Schwitzwasserkorrosion können Dachdecker und Bauklempner aus verschiedenen Trennlagen wählen, die das Walzblei von unten abschirmen. Bei Trennlagen aus Bitumen kann es manchmal zu Schadensbildern kommen. Bevorzugte Lösungen sind herkömmliche, diffusionsoffene Trennlagen.
Saturnblei mit Zinnbeschichtung („Kirchenblei“): Große Temperaturunterschiede zwischen innen und außen führen zu einer starken Schwitzwasserkorrosion. Die Verwendung von Trennlagen reicht alleine oft nicht aus. Die Korrosionsresistenz wird durch eine unterseitige Zinnplattierung des Werkstoffs Saturnblei nachhaltig verstärkt.
Saturnblei mit Korrosionsschutzanstrich: Die Verwendung von frischem Beton und Mörtel setzt Alkalien frei. Diese wirken aggressiv auf Walzblei-Produkte ein und schädigen sie nachhaltig. Ein fachgerechter Schutz der Eindeckung erfolgt häufig durch einen porentiefen Farbanstrich.
Entscheidend ist, schon in der Planungsphase alle kritischen Faktoren zu berücksichtigen. Der Baustoff Walzblei bietet flexible Lösungen auch für komplexe Herausforderungen am Bau. Bei Fragen zum Materialeinsatz hilft die Gütegemeinschaft Bleihalbzeug e.V. (www.saturnblei.de) gerne weiter.
© Gütegemeinschaft Saturnblei e.V. / 07.08.2006
