Ausführungsfehler setzten der bleiernen Fassadenhülle eines Münchener Bürogebäudes zu. Abhilfe schaffte eine umfassende Sanierung von Dächern und Fassaden. Dank fachgerechter Planung und Umsetzung ist das Gebäude nun für Jahrzehnte sicher verwahrt.
Das Gebäude am Münchener Prinzregentenplatz ist ein Blickfang. Eine Fassade komplett aus Glas und Walzblei verleiht dem Gebäude einen zeitlos schönen Charakter. Obwohl das Bürogebäude in unmittelbarer Nachbarschaft zur neo-klassizistischen Villa Krantz und zum Jugendstilbau des Prinzregententheaters liegt, ist es kein Fremdkörper. Alt und Neu stehen harmonisch nebeneinander.
Die Außenhülle des Anfang der 80er Jahre erbauten Bürokomplexes besteht fast vollständig aus Walzblei. Architekten und Handwerker schätzen den Baustoff vor allem aufgrund seines langlebigen Witterungsschutzes von bis zu 80 Jahren. Dass an dem Münchner Bürogebäude bereits nach 25 Jahren eine Generalsanierung notwendig war, ist ein Ausnahmefall. Grund hierfür sind schwerwiegende Ausführungsfehler. Infolgedessen wurden im ersten Bauabschnitt im Jahr 2008 Dach und Fassade des Hauptgebäudes saniert. In 2011 erfolgte im zweiten Bauabschnitt die Sanierung der beiden in U-Form angegliederten niedrigeren Gebäudeteile. Mit den Maßnahmen wurden nicht nur akute Schäden behoben, sondern der ungewöhnliche Bürokomplex für Jahrzehnte sicher verwahrt.
Sünden der Vergangenheit
Zunächst wurden die auftretenden Mängel und ihre Ursachen gründlich analysiert. Gerade die Bedachung der rückseitigen Gebäudes zeigte zahlreiche Mängel. Bei der Ersteindeckung mit Walzblei wurde der Wasserablauf nicht ausreichend berücksichtigt. Aufgrund einer zu flachen Dachneigung auf den Gauben kam es zu Kapillarproblemen. Zudem wurden die Edelstahlrinnen am Traufbereich des Steildachs mit einem übergroßen Abstand zu den Gaubenseitenwänden angebracht. Die Folge: Das über die seitlichen Kehlanschlüsse geleitete Regenwasser konnte nur eingeschränkt abfließen. Zudem war die Hinterlüftung der Unterkonstruktion ungenügend. Darüber hinaus wurde das Walzblei an vielen Stellen nicht fachgerecht verlegt. Vor allem die Grate sowie die Stöße zwischen den Bleiblechen wurden nicht gemäß den geltenden Verarbeitungsregeln ausgeführt. Zudem hatten die Handwerker Anfang der 80er Jahre die obersten Fassadenbleche nicht richtig befestigt. Einige Bleibleche waren im Laufe der Jahre durch das hohe Eigengewicht des Werkstoffs abgerutscht.
Die Entscheidung für Walzblei stand nie in Frage. Bei fachgerechter Verarbeitung sichert Walzblei einen zuverlässigen und lang anhaltenden Witterungsschutz. Der Werkstoff ist im Prinzip wartungsfrei. Zudem prägt bei dem Bürohaus in München der Werkstoff das Erscheinungsbild des Gebäudes maßgeblich mit. Farbe und Anmutung des Bleis harmonieren gut mit der kubischen Bauweise. Der Komplex strahlt massive Stärke und Ruhe aus, was offenbar auch den Mietern gefällt. Das Gebäude zählt zu einer renommierten Büroadresse in München.
Nachbessern oder austauschen?
Bleibleche werden ohne Klebstoffe verlegt und meist durch Falzen miteinander befestigt. Stehen Sanierungsarbeiten an, muss das Baumetall nicht zwangsläufig neu verlegt werden. Vielfach sind auch nach Jahren noch manuelle Nachbesserungen mit Klopfhölzern möglich. Bei den Sanierungsarbeiten am Hauptgebäude konnte nach Erneuerung der Unterkonstruktion ein Großteil der vorhandenen Bleibleche wiederverwendet werden. Lediglich die Gauben wurden mit neuen Bleiblechen verwahrt. An den niedrigeren Gebäuden allerdings waren die Schäden so gravierend, dass in größerem Umfang neues Blei zum Einsatz kommen musste. Das nicht mehr zu verwendende Altmetall wurde abgetragen und in den Recyclingprozess zugeführt. Der Werkstoff Blei ist das Metall mit dem höchsten Rückgewinnungsanteil. Nur geringfügige Mengen von Walzblei werden nicht mehr wiederverwertet. Bis zu 97,5 Prozent werden zur langfristigen Wiederverwertung aufbereitet. Es entstehen keine Qualitätsverluste, unabhängig davon, wie oft und wie lange das Metall vorher verwendet wurde.
Um auf Nummer sicher zu gehen, planten die Architekten alle Bleiarbeiten in engem Austausch mit dem ausführenden Handwerksbetrieb. Hierzu wurde die Firma Leib aus Moorenweis in der Nähe von München beauftragt, die über langjährige Erfahrung in der Verlegung von Walzblei verfügt. Alle Anschlussdetails an den Nebengebäuden wurden von der Firma Leib selbst geplant. Neben den Fassaden und Steildächern wurden auch die Flachdächer oberhalb der Steildachflächen saniert. Teilweise arbeiteten die Spengler parallel an den beiden Nebengebäuden. Gute Planung und Arbeitsorganisation zahlten sich aus: Alle Arbeiten wurden von Mai bis Dezember 2011 termingerecht fertiggestellt.
Für Spezialfragen nahm das Handwerksunternehmen Leib gezielt Rücksprache mit der Gütegemeinschaft Saturnblei. Die Vereinigung führender Walzbleiproduzenten verfügt über materialtechnische Berater, die telefonisch oder bei Bedarf auch persönlich zum fachgerechten Einsatz von Walzblei Auskunft geben können.
Von entscheidender Bedeutung war die Erneuerung der Unterkonstruktion an den Dächern. Es sollte gewährleistet sein, dass Feuchtigkeit im Dachaufbau künftig besser entweichen kann. Deshalb wurde die neue Unterkonstruktion mit einer diffusionsoffenen Unterdeckbahn ausgeführt. Darüber hinaus erneuerten die Handwerker die Hinterlüftung. „Bei unzureichender Belüftung steigt die Gefahr der Schimmelbildung“, sagt Hubert Leib, der als Bauleiter und technischer Berater alle Sanierungsarbeiten koordinierte. Die neue Hinterlüftung gewährleistet nun, dass die Zuluft unterhalb der Rinne im Traufbereich des Steildachs eindringen kann. Durch den Kamineffekt wird die Luft nach oben getragen, wo sie am Übergang zum Flachdach wieder entweichen kann. Als Insektenschutz wurden Lochbleche vor die Lüftungsschlitze angebracht.
Im zweiten Bauabschnitt konnten die bestehenden Bleibleche lediglich im unteren Bereich der Fassade erhalten bleiben. Sie wurden im Rahmen der Sanierung geglättet. Der obere Teil der Fassade, die Steildachflächen und Gauben wurden neu eingedeckt. Rund 25 Tonnen Walzblei in der Stärke 2,5 Millimeter kamen zum Einsatz. Das entspricht rund 800 Quadratmetern Fläche. Um den Verschnitt zu optimieren, ließ die Firma Leib die Bleibleche in der passenden Größe als Tafelmaterial anliefern. Die Handwerker behandelten alle Bleche an der Unterseite sowie zweimal an der Oberseite mit Patinieröl, damit eine gleichmäßige Patina entstehen kann. In der Fläche wurden die Falzverbindungen als Hohlwulst ausgeführt. Die Bleibleche wurden auf der einen Seite 12 Zentimeter und auf der anderen Seite 10 Zentimeter hoch aufgekantet. Die längere Seite wurde anschließend mit der kürzeren verfalzt. Mit einem speziellen Hammer, auch „Bleipatsche“ genannt, formten die Spengler den Falz zu einer Hohlwulst von ca. 5 Zentimetern Durchmesser.
Passgenaue Eindeckung
Besonders knifflig war die Einkleidung der Gauben. Auf die vorhandene Stahlblechunterkonstruktion wurden zunächst keilförmig geschnittene Holzsparren aufgeschraubt, um ein größeres Gefälle auf den Gauben zu erhalten. Die entstandenen Hohlräume füllten die Handwerker mit Mineralwolle. Auf die Holzsparren wurden als Unterkonstruktion Mehrschichtplatten geschraubt. Darauf verlegten die Spengler eine diffusionsoffene Unterdeckbahn. Anschließend erfolgte die Bleieindeckung. Die Verbindungen wurden als Holzwulst ausgeführt. Dazu wurde eine runde Holzlatte zwischen die Bleche eingeschraubt. Die aufgekanteten Bleibleche trieben die Handwerker dann um die Holzwulst. An einigen Nahtstellen griffen die Handwerker auf die Schweißtechnik zurück. Die Holzwulst hat im Querschnitt eine trapezformähnliche Grundfläche, der Durchmesser beträgt circa 4 Zentimeter. In einem weiteren Arbeitsschritt wurden die an die Gauben angrenzenden innenliegenden Dachrinnen aus 1,5 Millimeter starkem Edelstahl ausgebaut. Sie wurden verlängert und wieder neu eingesetzt.
Der Übergang vom Steil- zum Flachdach erforderte besonderes Fingerspitzengefühl. Die Übergangsbleche wurden aus einem Stück getrieben. „Wir mussten die Bleibleche teilweise bis zu 6 Zentimeter aus der Ebene treiben, was besonders knifflig war“, berichtet Dachdecker- und Spenglermeister Leib. Für die Attika wählten die Verantwortlichen Edelstahlbleche, die 4 Zentimeter hoch aufgekantet wurden. Anschließend falzten die Handwerker die Überhangsbleche aus Walzblei in die Edelstahlbleche ein. „Das Ergebnis ist eine formschlüssige Verbindung zwischen Edelstahl und Blei“, sagt Leib. Weiterer Vorteil: „Jedes Blech kann temperaturbedingte Längenänderungen für sich selbst aufnehmen.“ Da es auch im Bereich der Kehlen freitragende Bauteile gab, wurden die Kehlbleche ebenfalls aus Edelstahl gefertigt.
Die optisch und baugleich zusammengehörenden Gebäude am Münchener Prinzregentenplatz sind nun komplett saniert. Die zeitlose Schönheit des Gebäudekomplexes bleibt für nachfolgende Generationen bewahrt.
Bautafel:
Projekt: Sanierung von Dächern und Fassaden eines Bürokomplexes in München
Bauherr: Birmingham Grundstücksverwaltungs- und Verwertungs KG, München
Architekten: GSP Architekten, München u.a.
Material: RAL-geschütztes Saturnblei in 2,5 Millimeter Stärke, Patinieröl
Verarbeiter: Leib GmbH, Moorenweis bei München
Hersteller: Gütegemeinschaft Saturnblei e.V., D-47747 Krefeld, https://www.saturnblei.de
Bildquelle: Leib GmbH
© Gütegemeinschaft Saturnblei e.V. / 27.08.2012
